Kinder-Hilfebedarf

Informationen zur zukünftigen Begutachtung von Kindern ab 1.1.2017

Säuglinge sind in allen Bereichen des Alltagsleben unselbständig. Je jünger ein Kind ist, umso weniger ist es möglich, über die Merkmalsausprägung „selbständig“ bzw. „unselbständig“ den über das übliche Maß der Pflege und Versorgung eines Säuglings hinausgehenden Pflegebedarf abzubilden. Erst mit zunehmenden Alter eines Kindes erfasst die Abweichung vom altersgemäßen Grad der Selbständigkeit auch das Maß an Abhängigkeit von personeller Hilfe und Versorgung

  • Der für den Pflegegrad 2 notwendige Summenscore von 30 Punkten kann erst ab einem Alter von 3 Monaten und nur bei schwerstkranken, in der Regel hirngeschädigten Kindern erreicht werden, die sowohl hochgradige Verhaltensauffälligkeiten (Modul 3) aufweisen als auch einen umfangreichen Hilfebedarf bei den krankheitsbedingten Anforderungen (Modul 5) haben.
  • Die Voraussetzungen für den Pflegegrad 4 können frühestens mit 18 Monaten erfüllt werden. Ein Großteil der jetzt eingestuften Säuglinge und  Kleinkinder unter 18 Monaten könnten daher nach dem NBA keinen oder nur einen niedrigen Pflegegrad erreichen. Aus den Fallbeschreibungen von Kindern im ersten Lebensjahr – für die aufgrund entsprechender Krankheiten und Behinderungen Anträge auf Pflegeversicherungsleistungen gestellt wurden – wird deutlich, dass die Bedarfslagen dieser Kinder unabhängig vom zugrunde liegenden Krankheitsbild (z. B.frühkindliche Hirnschädigung, angeborene Herzfehler) in der Regel von Trinkschwäche, „tröpfchenweiser“ oder besonders häufiger Nahrungsaufnahme, Schluckstörungen und Erbrechen gekennzeichnet sind. Einen sehr pflegeintensiven Hilfebedarf im Bereich der Ernährung haben auch Kinder mit angeborener Lippen-/Kiefer-/Gaumenspalte oder Fehlbildungen des Verdauungstraktes (z. B. Oesophagus- Atresie, Pylorus-Stenose), bei denen sich der Aufwand für die Ernährung nach erfolgter Operation früher oder später normalisieren kann. Der Expertenbeirat empfiehlt daher, Kinder bis zum 18. Lebensmonat, die einen Scorewert von 30 Punktenerreichen, in einen eigenen, pauschalen Pflegegrad einzuordnen und diesen leistungsrechtlich miteinem Betrag zwischen dem Pflegegrad 2 und dem Pflegegrad 3 zu hinterlegen. Um diesen Punktwert von 30 Punkten zu erreichen, müssen Einschränkungen in mindestens zwei Modulen bestehen. Dabei kommen einerseits die beiden altersunabhängigen Module 3 (maximal 15 Punkte) und 5 (maximal 20Punkte) in Betracht, andererseits das Modul 4, erweitert um die besondere Bedarfskonstellation „Bestehen gravierender Probleme bei der Nahrungsaufnahme, die einen außergewöhnlich pflegeintensiven Hilfebedarf im Bereich der Ernährung auslösen“, die mit 20 Punkten bewertet wird. Eine erneute Begutachtung erfolgt mit 18 Monaten oder vorher, wenn relevante Änderungen zu erwarten sind (z.B. durch
    eine erfolgreiche Operation).
  • Ab 18 Monaten werden die Kinder regulär mit dem NBA begutachtet, weil bei anhaltender Unselbständigkeit auch andere Module in die Bewertung einfließen können. Ab dieser Altersstufe können regulär die Pflegegrade 3 und 4 erreicht werden. Nach einer vorangegangenen pauschalen Einstufung zwischen Pflegegrad 2 und 3 werden bei Kindern, die bis dahin keinen Entwicklungsfortschritt gemacht haben, Rückstufungen vermieden.

Umgang mit besonderen Bedarfskonstellationen unter Berücksichtigung der Schwellenwerte

  • wenn der Schwellenwert von 90 Punkten erreicht wird oder
  • wenn unabhängig vom Schwellenwert eine Gebrauchsunfähigkeit beider Arme und beider Arme vorliegt
  • wenn unabhängig vom Schwellenwert ausgeprägte motorische Verhaltensauffälligkeiten mit Selbst- oder fremdgefährdung vorliegt.

Bei Kindern ist das erst ab dem 3. Lebensjahr gegeben da bis zum 3. Lebensjahr ohnehin  die komplette Übernahme der Verrichtungen erfolgt

Angesichts der vergleichsweise geringen Fallzahlen (laut MDS-Begutachtungsstatistik wurden in den Jahren 2010 und 2011 bundesweit jeweils ca. 1400 Kinder unter 12 Monaten begutachtet) wird diese Lösung vom Expertenbeirat auch für praktikabel erachtet. Sie bleibt weitgehend in der Systematik des NBA, ist transparent und ermöglicht einen nahtlosen Übergang in die nachfolgende reguläre Begutachtung. Die Lösung wurde auch von der externen Kurzexpertise von Bartholomeyczik & Höhmann (2013) bestätigt. Die ausführlichen Ausarbeitungen der zuständigen Teams der AG 2 zur Kinderbegutachtung sind –ebenso wie die pflegewissenschaftliche Kurzexpertise von Bartholomeyczik/Höhmann –auf der Webseite des Bundesministeriums für Gesundheit (www.bundesgesundheitsministerium.de/Beiratsbericht- Pflegebedürftigkeitsbegriff) als externe Anlagen zum Bericht des Expertenbeirats verfügbar.