Weg zum Pflegegrad

Werden die Ängste der Pflegebedürftigen nicht anerkannt?

Seit dem 1. Januar 2017 gilt das Neue Begutachtungs-Assessment (NBA).

Um die Pflegebedürftigkeit festzustellen, ist es jetzt wichtig, wie selbstständig die betreffende Person ist und wie gut sie sich selbst versorgen kann. Diese Regel hat die reine Erfassung der aufgewendeten Zeit für bestimmte Verrichtungen und ihrer Häufigkeit abgelöst.

Die Kriterien der Alltagskompetenz aus dem alten System von 2013 sind abgeschafft. Die alten Definitionen der Kriterien bei der Feststellung der Alltagskompetenz können auf keinen Fall auf das neue Begutachtungs-Assessment (NBA) übertragen werden. Zu nennen sind hier besonders die Kriterien 7 und 13 im Modul 3, bei denen Angststörungen psychiatrisch gesichert sein mussten.

In der neuen Begutachtung von 2017 wird das Kriterium F4.3.10 „Ängste“ wie folgt definiert:Die Person hat starke Ängste oder Sorgen, sie erlebt Angstattacken unabhängig von der Ursache.“

Nach Auffassung einiger Sachverständigen sind Ängste nach dem neuen System (NBA) nur dann anzuerkennen, wenn diese in Verbindung mit psychischen Krankheiten auftreten. Dem ist vehement zu widersprechen, weil Ängste auch aus somatischen Krankheiten resultieren können. Außerdem sind die Kriterien in Modul 3 – anders als in den übrigen Modulen – nicht abschließend definiert, sondern sie wurden nur beispielhaft erläutert (BRI Seite 48).

Dauerhafte Angst i. S. SGB XI (NBA) körperliche Erkrankungen1 als Verursacher

Angstgefühle begleiten viele Erkrankungen, die Herz oder Lunge betreffen. Auch Störungen im vegetativen Nervensystem und im Gehirn können Ängste verursachen (organische Angststörungen). Das heißt: Ängste sind nicht ausschließlich die Folge von psychischen Problemen, sondern sie können sehr wohl körperliche Ursachen haben. In der Pflege differenziert dies die Pflegediagnose sehr genau.

Herzkrankheiten, COPD und Diabetes

Am häufigsten stellen sich Ängste im Zusammenhang mit Herzkrankheiten und Erkrankungen der Atemwege ein. Die Schmerzen bei einem Herzinfarkt oder die Atemnot bei einem Asthmaanfall lösen immer auch starke Angstgefühle und Ängste vor weiteren Anfällen aus. Das gilt ebenso für Krankheiten, zu deren Symptomen Schmerzen oder Schwindel gehören – und zwar täglich.

Ist das Herz erkrankt, können Herzbeschwerden Ängste auslösen, und sei es „nur“, weil wir uns in unserer vitalen Sicherheit bedroht fühlen. Besonders betroffen sind Menschen, die chronisch an Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche oder Angina Pectoris leiden. Intensive Angstgefühle erfassen oft auch Menschen, die einen Herzinfarkt hinter sich haben und einen weiteren befürchten. Viele Menschen mit COPD (chronisch obstruktiven Lungenkrankheiten) leiden unter chronischer Atemnot und damit auch unter Ängsten.

Nicht zu vergessen die „Todesangst“, die nicht nur für Patienten mit Herzinfarkten, sondern für Menschen mit allen infausten Prognosen ein täglicher Begleiter ist.

Ängste, die im Rahmen von Anpassungsstörungen an Krankheiten, Unfälle, körperliche und soziale Veränderungen usw. auftreten können.

Ängste haben auch Menschen mit Diabetes, wenn sie in eine Unterzuckerung geraten oder der Stoffwechsel entgleist. Verständlicherweise entwickeln viele Betroffene Ängste vor weiteren Unterzuckerungen und Stoffwechselentgleisungen.

Nerven- und Gehirnerkrankungen

Erkrankungen des Zentralnervensystems wie z. B. ALS (Amyotrophe Lateralsklerose )oder Parkinson gehen mit charakteristischen Beschwerden einher, welche die jeweilige Störung kennzeichnen. Zusätzlich lösen einige davon auch Angstgefühle aus. Das trifft besonders auf Erkrankungen zu, die chronischen Schmerzen einhergehen. Beispiele sind Gicht, Arthritis, Rheuma- oder Schwindelattacken. Letztere treten bei Migräne oder der Menière-Krankheit auf, bei der das Gleichgewichtssystem gestört ist.

Fazit

Aus dem oben Dargestellten folgt, dass Pflegebedürftige mit somatischen Grunderkrankungen benachteiligt würden, wenn ihre Ängste keine Punkte erhielten – nur weil sie aus somatischer Krankheit entstanden sind.

Eine Pflegesachverständige bemerkt dazu:

Ich hatte schon mehrere dieser Fragen von Kunden, weil diese Ängste mit körperlicher Ursache vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen ohne Nachweis einer fachärztlich gestellten Diagnose (eindeutig psychischer oder dementieller Art) im Modul 3 gefordert wäre. Dem ist aber nicht so, denn lt. gesetzlicher Vorgabe der Richtlinien des GKV kann auf Seite 51 Punkt 4.3.10 nachgelesen werden, dass starke Ängste (Angstattacken) unabhängig von der Ursache die Häufigkeit des personellen Hilfebedarfs zum Abbau dieser Angststörung (z. B. Ansprache, körperliche Berührung) anzuerkennen ist.

Die oftmals lebensbedrohlichen Angstattacken sind zwar begründbar und nicht Ursache einer psychischen oder neurologischen Erkrankung, doch lösen die dauerhaft vorhandenen Ängste letztendlich verstärkte psychische Reaktion aus, so dass zwingend personelle Hilfen erforderlich werden, weil die Situation selbst nicht mehr real gesehen werden kann. Oftmals kann die Angstattacke evtl. schon mit der Anwesenheit einer Person oder mit beruhigenden Worten bzw. mit entsprechenden Sofortmaßnahmen behoben werden.

Ich verweise deshalb immer auf Punkt 4.3.10 der Richtlinien. Es ist eindeutig, dass die Ursache keine Rolle spielt, sondern nur die Auswirkungen einer betreffenden Krankheit.“

Aus dem Praxiskommentar 5. Auflage 2018 von Kramer/Plantholz Seite 320:

Verhaltensweisen und psychische Problemlagen …“ Es geht dabei um Unterstützung des pflegebedürftigen Menschen bei der Bewältigung von belastenden Emotionen (wie zB Panikattacken), beim Abbau psychischer Spannungen und bei der Impulssteuerung, bei der Förderung positiver Emotionen durch Ansprache oder körperliche Berührung, bei der Vermeidung von Gefährdungen im Lebensalltag und bei Tendenz zu selbstschädigendem Verhalten. Folgt man den BRi, geht es um die Frage, inwieweit die Person ihr Verhalten ohne personelle Unterstützung steuern kann. Von fehlender Selbststeuerung sei auch dann auszugehen, wenn ein Verhalten zwar nach Aufforderung abgestellt wird, aber danach immer wieder aufs Neue auftritt, weil das Verbot nicht verstanden wird oder die Person sich nicht erinnern kann. Dagegen abzugrenzen seien nicht zu berücksichtigende gesteuert herausfordernde Verhaltensweisen.…“ Ergänzend wird darauf hingewiesen: … Auch dies dürfte in einem einzigen Hausbesuch schwer sein.…“